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Die Tops und Flops vom 26.6.2000

Ballermann
Playa
Fotos: msm-Archiv
DIOXIN AM BALLERMANN
- Mallorcas Krisenjahr auf neuem Höhepunkt: nach Pleiten, Pech und Pannen nun ein Umweltskandal -

Deutsche Fernsehreporter spürten auf Mallorca einen Sondermüllskandal auf. Zwei illegale Müllkippen, Can Ramis und Can Duran, sollen die Luft an der Playa de Palma vor S'Arenal verpesten. Dort wird in Steinbrüchen Abfall entsorgt: angeblich nur Bauschutt, in Wirklichkeit aber auch Autoreifen, Metalle, Plastik, Batterien, Kühlschränke. Noch schlimmer: Seit Jahren glimmen auf den Müllkippen Schwelbrände. Umweltexperten: Der Rauch ist ein giftiger Cocktail aus Stickstoffoxid, Schwefeldioxid, Quecksilber, Blei und Dioxin. Eine deutsche Rentnerin: "Es stinkt beißend nach Chemikalien.



Der Fakt-Beitrag im Wortlaut

Touristen:
"...sind schon teilweise unangenehme Gerüche. Ob das jetzt von Industrieansiedlung kommt oder so weiß ich nicht."
"Es mieft richtig - Wonach, verbrannt? - Ja, nach Verbranntem. Man kann es kaum definieren, was es genau ist."
"Ein eigenartiger Geruch. Wie Schwefel oder wie... so ein komischer."
"Unten in Arenal am Ballermann Null ist es am Schlimmsten, weil da oben ist irgendwo auch die Mülldeponie, in der obersten Linie. Das ist schon heftig."

Ursache: Brände in zwei Steinbrüchen, die als illegale Müllkippen mißbraucht werden. Und das ganz in der Nähe der Strände.

Rückblick: 1995 und 1999 bricht im Steinbruch Can Ramis ein Feuer aus.Offiziell darf hier nur Bauschutt zum Auffüllen der Hohlräume abgeladen werden - nichtorganische Stoffe. Tatsächlich landen dort alle Arten von Sondermüll: Autoreifen, Metalle, PVC, Autobatterien, Kühlschränke, Eimer mit Farben und Lacken.

Das offene Feuer auf der illegalen Müllkippe Can Ramis ist auf dem ersten Blick gelöscht. Doch im Inneren schwelt es weiter.

Für die Anwohner ein Dauerproblem. Die Gase ziehen auch durch den Garten von Familie Otto. Trotz großer Sommerhitze bleiben sie viele Abende bei geschlossenem Fenster im Haus. Angelika Otto ist in großer Sorge über die Auswirkungen der gesundheitsschädlichen Gase.

Angelika Otto:
"Mein Sohn, der hat seitdem wir hier sind, seit ca. fünf Jahren, da hat er das ganze Jahr eigentlich Husten und Schnupfen. Ich war mit ihm beim Arzt und der hat gemeint, es wäre irgendeine Allergie oder so, aber was es tatsächlich ist, weiß ich nicht. Bloß es ist halt nicht normal, dass ein Kind das ganze Jahr hustet und verschnupft ist."

Experten der Universität der Balearen warnen schon lange eindringlich vor den Risiken dieser Schwelbrände.

Victor Cerdá, Professor für analytische Chemie:
"Das Problem ist die Verbrennung bei zu niedrigen Temperaturen, was dazu führt, dass die giftigen Bestandteile nicht durch ihre eigene Verbrennung zerstört werden. Das begünstigt die Bildung von Dioxin."

Das Gutachten eines anderen Umweltexperten bestätigt das. Die Brände verursachen einen giftigen Gascocktail aus Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Blei, Quecksilber und - Dioxin.

Bauindustrie und Tourismus boomen auf Mallorca. Häuser und Hotels werden im Akkord hochgezogen oder renoviert. Der entstehende Abfall landet in Containern die jeder bestellen und mit seinem Müll füllen kann. Eine Kontrolle gibt es nicht. Jeder schmeißt hinein, was er loswerden will, und das landet in den Steinbrüchen. Im Oktober 1999 startet das Umweltamt zum ersten Mal ein Verfahren gegen die Verantwortlichen einer illegalen Mülldeponie.

Nicolau Barcelo, Chef Umweltamt:
"Das ist schädlich für die Gesundheit und schädlich für die Umwelt. Da gibt es nichts zu diskutieren. Einerseits müssen wir verhindern, dass es weiter vorkommt, aber vor allem müssen wir die Brände in den Steinbrüchen Can Ramis und Can Duran - egal wie - stoppen."

Auch der Reiseveranstalter TUI ist alarmiert über die Situation an der Playa de Palma.

Dr. Wolf Michael Iwand:
"Wir werden deswegen auch diesen Fall zum Anlass nehmen, um bei den Behörden deutlich vorstellig zu werden, weil es nicht nur um unsere Gäste gehen kann, auch das Image der Insel steht zur Disposition."

Doch das stört die Betreiber der illegalen Müllkippen wenig. Das Geschäft ist einfach zu lukrativ. Jeder Container bringt dem Inhaber des Steinbruchs umgerechnet 35 Mark bar auf die Hand, ohne Quittung. Das macht bei circa 500 Containern einen geschätzten Tagesumsatz von gut 17 000 Mark.

Für den Steinbruch von Can Ramis, in dem es 1995 und 1999 gebrannt hat, bekommen wir eine Drehgenehmigung. Von Sondermüll ist erst einmal wenig zu sehen, und der Pächter streitet alles ab.

Miguel Ramis, Pächter
"Wir haben die Erlaubnis, hier nichtorganische Stoffe zu schütten. Der Bauschutt z.B. wird an andere Orte gebracht, die speziell dafür eingerichtet sind, um ihn zu recyceln. Hier haben wir nur Erdreich von Ausschachtungsarbeiten."

Doch der Pächter sagt nicht die Wahrheit. Das dokumentiert das Video einer Detektei, die das Treiben auf der Kippe drei Tage im Mai beobachtet hat: Gummireifen, PVC-Röhren, Metallteile und der Inhalt eines Gülletransporters werden achtlos abgekippt. Darüber wird dann in regelmäßigen Abständen Erdreich verteilt, damit der illegale Müll nicht mehr zu sehen ist.

Die Vertreterin der Umweltorganisation GOB aber, spricht von einer Müllmafia und verurteilt die Tatenlosigkeit der Inselregierung.

Aina Llauber:
"Die illegalen Müllkippen liegen in der wichtigsten touristischen Zone, direkt hinter der Playa de Palma. Es gibt eine potentielle Gefahr für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen durch die Gase und die Möglichkeit, das Grundwasser zu verseuchen. Wenn es nicht möglich ist, über den Weg der Strafanzeigen und der Gerichte etwas zu erreichen, so hoffen wir über den Druck der Öffentlichkeit von den Mallorquinern, den Touristen und der Residenten aus dem Ausland, dass sich die Behörden endlich darum kümmern."

Trotz aller Drohungen ist bis heute nichts passiert. Anwohnern wie Frau Otto bleibt nur noch ein Ausweg:

Frau Otto:
"Seitdem wir erfahren haben, dass da giftige Dinge verbrannt werden, ist mein Mann natürlich schon der Meinung, dass das eigentlich für unsere Kinder nicht zumutbar ist, weil - wir müssen auch ein bißchen an die Gesundheit der Kinder denken, und wenn da nichts dagegen unternommen wird und das weiterhin besteht, ich denke, dass wir uns da schon Gedanken darüber machen, von hier weg zu gehen."

500 Anzeigen sind wegen der Giftgase inzwischen bei den Behörden eingegangen, viele davon von den unmittelbaren Anwohnern der Playa de Palma - bislang ohne jeden Erfolg. Und: Die Touristen bleiben völlig ahnungslos, wissen nichts von den Giftgasen, die je nach Witterung durch die Straßen und über die Strände ziehen. 

Mehr zum Thema bei Fakt online, im Mallorca News-Archiv oder über AFM-Film- und TV-Produktion.


 
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