Stärker
denn je drängt es den Deutschen nach Mallorca. Kaum eine Finca ist
vor ihm sicher. Aus der sogenannten Putzfraueninsel ist das Florida des
wohlhabenden Bundesbürgers geworden: Wochenendhaus, Alterssitz und
Schwarzgelddepot.
Jahrhundertelang zogen die Deutschen gen Ost- oder Welschland, bis sie endlich merkten, dass man Lebensraum auch mieten kann. Oder noch besser: kaufen. Und nirgendwo hat sich die neue Zivilität dieses getriebenen Volkes so raumgreifend ausgebildet wie auf 3640 Quadratkilometern Kalk- und Sandsteininsel kurz vor Afrika.
Mallorca. Der einzige Fleck Ausland, den die Deutschen wirklich in ihr Herz geschlossen haben und deshalb liebevoll nach ihrem Bilde prägen: Auf Mallorca gibt es eine deutsche Hundefriseurin ("alle Rassen"), eine deutsche Wochenzeitung MALLORCA-MAGAZIN so dick wie die ZEIT und deutsche Inselpastoren beider Konfessionen. Es gibt Klempner, das Tattoostudio "Grobi", Altersheime, Huren und Tarotkartenleger - alles deutsch. Es gibt den Peter Maffay und die Claudia Schiffer und Fußballkurse mit Rudi Völler für 295 Mark. Es gibt alles. Es ist wie Deutschland. Nur besser.
"Das Meer, das spiegelnd diese Inseln pries / zeigt, wo noch Pinien, wo Oliven stehen / gesäumt von Feigenbäumen und Kakteen / beginnt hier Tag um Tag das Paradies", schrieb Miguel Àngel Asturias (1899 bis 1974), ein guatemaltekischer Schriftsteller, über die Balearen. Was er vergaß: Auf Mallorca gibt es keine Kapuzenmänner, die Ferienhäuser in die Luft jagen wie auf Korsika; es werden keine Touristen von Banditen an Bäume gebunden wie bisweilen auf Sardinien, und es gibt keinen Jetlag wie auf Hawaii.
Es mag andere fischerbootumschaukelte Inseln in den Prospekten geben, aber Mallorca ist das erschlossenste und erreichbarste Paradies der Deutschen. Der Bürger rechnet und sieht: Von Lörrach bis Palma sind es nur hundert Kilometer Luftlinie weiter als nach Rügen. Aber man ist in zweieinhalb Stunden da. Und es ist billiger.
Für 199 Mark läßt es sich nach Palma fliegen, für 600 Mark dort zwei Wochen leben. Standby-Tickets werden in Düsseldorf bisweilen für unter hundert Mark unters Volk geworfen.
2,7 Millionen Bundesbürger werden dieses Jahr Kurs auf die Insel nehmen. Es sind mehr als je zuvor, und wieder wird der meistgebrauchte Satz Deutsch-Mallorcas sein: "Im Hinterland kann man noch unberührte Plätze finden."
Irrtum. Die Deutschen sind längst aus ihren Erholungsghettos an der Küste ausgebrochen und kaufen sich im Landesinneren ein, als stünde zu Hause die Revolution vor der Tür. Die Christiansen vom Fernsehen tut es, Ulla Kock am Brink tut es, Gunther Sachs, Christine Kaufmann - alle tun es. Es wird gekauft wie blöd, und Harald Schmidt ist nur der letzte, der es gemerkt hat.
Etwa 50 000 Deutsche leben heute ständig und gemeldet auf Mallorca. Dazu kommen noch etwa ebenso viele Illegale, Ausreiser, Sonnenscheinasylanten. "Wenn schon alt werden, warum dann noch bei schlechtem Wetter?" sagen sich die Rentner und bleiben gleich da. Und Vorstandsmitglieder parken ihre Gattinnen auf irgendeiner Finca, bis die vor Langeweile anfangen, über Aszendenten zu reden und mundgetöpferte Klangschalen herumzuzeigen.
Matthias Kühn, der größte Immobilienmakler der Insel, hat seinen Umsatz im ersten Halbjahr um 62 Prozent erhöht, die Kollegen von Taylor Woodrow haben den ihren verdreifacht. Es gibt Wartelisten für Zwei-Millionen-Mark-Objekte: "Der Finca-Markt oberhalb der Million ist leergefegt. Darunter läßt sich noch etwas finden", sagt Dietrich Weissenborn, ein Initiator von Feriensiedlungen und Golfplätzen.
Ähnlich wie einst im Osten durchstreifen Grundstückshändler das Hinterland zwischen Palma und Pollença, junge Wölfe, die noch jeden Ziegenstall auf seine Finca-Tauglichkeit überprüfen. Die Immobilienpreise haben sich in den letzten zehn Jahren verfünffacht, und jeder Preis wird gezahlt.
Schuld daran sind Heino und Theo Waigel.
Der Sänger sang zwar von Deutschlands Heide, aber sein Herz schlug für Mallorca. Heino war der erste, der sich outete mit seiner Neigung zur Insel der Kegelbrüder, zu einer Zeit, als das noch mutig war. Dann begann der Imagewandel von der Putzfrauen- zur Prominenteninsel.
"Ich habe früher immer vermieden zu sagen, ich flöge nach Mallorca", erinnert sich Klaus-Peter Winter, der seine Luxusyachten heute an Milliardäre wie den Bahlsen-Erben vermietet. "Das klang so, als hätte ich kein Geld, ordentlich Urlaub zu machen. Ich habe lieber gesagt, ich fahre nach Spanien."
Die Scham ist vorbei. Mallorca - das klingt gewissen Kreisen nach Malibu, Sylt oder Marbella. Trendmagazine wie ELLE oder MAX haben rechtzeitig zur Saison Mallorca-Sonderhefte aufgelegt und organisieren Reisen dorthin, pauschal trendy. In Düsseldorfer Kreisen gilt es als bester Stil, zum Interview oder zur Konzeptbesprechung nach Port d'Andratx zu laden.
Zumal die immer wieder aufgeflammten "Handtuchkriege" zwischen englischen und deutschen Toastbäuchen inzwischen beendet sind. In Europas Naherholungsgebiet Nummer eins ist eine ethnische Differenzierung festzustellen. Gerald Paschen, Mallorca-Spezialist der Immobilienzeitschrift BELLEVUE: "Trotz ihres stärkeren Pfunds sind die Briten nicht nach Mallorca zurückgekommen. Die Insel ist ihnen zu deutsch. Sie kaufen lieber in Menorca oder Ibiza."
Doch richtig gewahr wurde der Deutsche seiner Liebe zur eigenen Finca erst, als der Bundesfinanzminister begann, in Konten herumzuschnüffeln und die Quellensteuer einzuführen. "Hier ruht Schwarzgeld in der Höhe des Bruttosozialprodukts von ganz Mallorca", vermutet ein Architekt mit besten Kontakten zur mallorquinischen Oberschicht. Frank Schauhoff, Mitverfasser des Inselromans "Mallorca. Ein Jahr", sagt: "Die Leute fliegen mit LTU ein, und im Handgepäck liegen die Bargeldbündel neben der Badehose."
In vielen Fällen liegt der tatsächlich gezahlte Preis für ein Grundstück um ein Vielfaches über dem vertraglich festgeschriebenen. So sparen Käufer und Verkäufer reichlich Steuern und führen gleichzeitig einen guten alten Inselbrauch weiter.
Denn seit je hat auf Mallorca das Gesetz der Schmuggler gegolten: Geld ist viel zu selten, als dass man es Staat oder Banken anvertrauen könnte. Schätze wurden hier seit Urzeiten an der Küste angelandet und ins Landesinnere in Sicherheit gebracht.
Die Geschichte Mallorcas erzählt die Verwandlung eines Haufens von Kalkfelsen, etwa 200 Kilometer vom spanischen Festland entfernt, in eines der Hauptzentren des weltweiten Tourismus. Sie erzählt von Riesenvermögen, die aus dem Nichts entstanden, von verarmten Adelsfamilien und gekrönten Häuptern in Shorts und Polohemden, von politischen Schiebereien, Korruption und Festen wie in Tausendund- einer Nacht.
Eine märchenhafte Verwandlung. Jahrhundertelang hatten Eroberer, Schmuggler und Piraten das Geschick der Insel geprägt. Übers Meer kamen immer neue Eindringlinge. Die Bewohner zogen sich ins gebirgige Hinterland zurück. Bis auf die von Phöniziern und Römern gegründeten Städte Alcúdia und Palma gab es an der Küste keine Ortschaften. Die Grundstücke am Meer erbten die jüngeren Adelssprößlinge, die Erstgeborenen bekamen die geschützten Terrains im Landesinnern - deren Nachkommen würden später die Angeschmierten sein, als viele Jahrhunderte später der Run auf die Strände begann.
Die Araber hinterließen auf der Insel ihre enormen Kenntnisse über Bewässerungsanlagen und legten an den steilen Hängen im Norden Zitrusplantagen an, Mandelhain-Terrassen und Gärten.
Gedankt wurde es ihnen nicht. In der Neujahrsnacht 1229 landete König Jaime I. von Aragón auf der Insel. Seinen Vasallen schenkte er zur Belohnung für den Rausschmiß der Mauren Land, worauf die Caballeros sich Fincas bauen ließen, großzügige Landsitze. Die noblen mallorquinischen Familien bereisten Frankreich, Italien und England, um sich für ihre Gartenanlagen Inspirationen zu holen.
Wer nicht zu den großen Familien gehörte, hatte es schwer. Der Boden ist nicht besonders fruchtbar, nur wenige konnten als Schafhirten oder Fischer ein Auskommen finden. Die Söhne und Töchter wanderten aus, suchten in Kuba oder Venezuela ihr Glück. In den kleinen Dörfern im Inselinneren herrschte Hunger.
Die neue Zeit begann mit dem Tourismus, den ein paar prominente Europäer im 19. Jahrhundert auf die Insel lockten. Die französische Schriftstellerin und Femme fatale George Sand hatte von den angeblich immer nur sonnigen Wintern auf den Balearen gehört - ein Mythos, wie sich herausstellte. Aber sie brachte ihren Geliebten, den schwindsüchtigen Komponisten Frédéric Chopin, im November 1838 nach Palma. Sand fand das "ideale" Meer, "klar und blau wie der Himmel, sanft gewellt wie eine Ebene aus Saphiren, die sich von einem unsichtbaren Pflug in Furchen gelegt nicht merklich bewegt, eingerahmt von dunkelgrünen Forsten". Und der polnische Musiker schrieb an Freunde: "Ich bin in der Nähe dessen, was am schönsten ist." Dennoch froren beide und kamen auch nie wieder.
Statt dessen begann der Habsburger Erzherzog Ludwig Salvator, im wilden Nordwesten Mallorcas Fincas zu sammeln. Seinen Architekten gab er die Weisung, alles möglichst natürlich zu lassen, und ließ 1892 die Kaiserin Sisi kommen, damit sie seine Landschaftsschwärmerei teile.
So kam die Insel bei mächtigen Europäern, besonders den Briten, in Mode: Winston Churchill badete hier, englische Schriftsteller und Künstler siedelten sich auf Mallorca an.
Die Deutschen ließen nicht lange auf sich warten. Eduard Graf Keyserling machte um die Jahrhundertwende die Insel in Adelskreisen bekannt; Anfang der Sechziger zog Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn auch andere Erlauchte und Betuchte nach. Es war so schön ruhig hier.
1973 landeten die ersten Condor-Jumbojets aus Düsseldorf, und es wurde Ernst mit dem Massentourismus. In gestaffelten Hundertschaften rückten Pauschalurlauber an, die Küste zu erobern. Viele trugen schon in der Schalterhalle Badelatschen und Shorts.
Mallorca, das waren Bettenburgen, Billigstflieger und krebsrote Zeitgenossen aus der "Ballermann"-Kneipe, die sich Strandeimerchen mit Sangria über die Köpfe gossen: "Für ein paar Hunderter bekam man einen Koffer voll Peseten-Lappen, und jeder Opel-Arbeiter konnte sich mit Chivas Regal abfüllen bis zur Schädeldecke", erinnert sich Heinz Abel, Metzgermeister und Erfinder der mallorquinischen Bierstraße.
Spaniens Beitritt zur EG machte die Peseta stark und der Fiesta ein Ende. Mallorca war plötzlich so teuer wie Dortmund, und die Leute begannen, ihre eigenen Teebeutel mit auf die Insel zu nehmen.
Dann entdeckten die Prominenten die Insel. Die Inselregierung wollte Luxus: "Zwanzig 18-Loch-Golfplätze in den nächsten zehn Jahren", Yachthäfen und jede Menge Restaurants, wo die Speisekarten groß und die Portionen klein sind.
Und so geschah es auch. Mallorca hat heute alles, was Reichen nirgendwo fehlen darf: Helikopterkurse, Fünf-Sterne-Residenzen mit Wachschutz und philippinischen Dienstmädchen, "Rebalancing-Trainings" mit Roswitha und Peter und 41 Sporthäfen. Um den letzten noch bestehenden Standortnachteil Mallorcas kümmert sich der deutsche Hochadel persönlich: Diane, Herzogin von Württemberg, geborene d'Orléans, plant eine Art Bayreuth am Mittelmeer.
Mallorca ist so nahe liegend. Die Pauschaltouristen haben dafür gesorgt, dass Palma in der Hauptsaison einer der meistangeflogenen Orte der Welt geworden ist. Bis zu 42 Maschinen starten und landen stündlich, mehr als in Paris oder Frankfurt. Es ist leichter, von Düsseldorf nach Port d'Andratx zu kommen als nach Sylt. Seit der Inselflughafen für knapp eine halbe Milliarde Mark ausgebaut wurde, dauert Ein- und Auschecken kaum länger als eine Viertelstunde, sofern nicht gestreikt wird. Es ist möglich, mit dem letzten Billigflieger am Freitag abend in Palma anzukommen, das Wochenende golfend zu verbringen und Montag früh wieder zur Arbeit nach München zu pendeln. Immer mehr Lebenskünstler mit Filofax machen das.
Im Gefolge fliegen Kachelofenbauer ein, Wurstmacher, Finanzberater und Leute, die Farben auf Leinwände verteilen. Glückssucher, die Deutschland als Betätigungsfeld aufgegeben haben. Nicht wenige werden eine Saison später von den Inselpastoren durchgefüttert.
Engländer, Holländer, Festlandspanier
kommen seit je in gleichbleibender Menge auf die Insel. Die Zahl der Deutschen
dagegen hat sich seit 1973 vervierfacht. Und auch nach der Wiedervereinigung
Westdeutschlands mit Rügen, Hiddensee und Usedom hat sich der Trend
nicht verlangsamt - im Gegenteil (siehe Grafik).
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Nach dem Toskana-Deutschen der Achtziger also nun der Mallorca-Deutsche. Und wieder verlieh der Sozialdemokrat Gerhard Schröder der neuen deutschen Innerlichkeit Ausdruck. Die Toskana sei ihm zu heiß, sagte er dem stern: "Mallorca, das wäre was für mich. Dort möchte ich was haben, nicht an der Küste, sondern im Innern."
Ein radikaler Typenwechsel hat sich vollzogen. Da ist nicht mehr der Marketingberater, der den Landmann spielt, Oliven preßt und mit Luigi auf der Piazza posiert. Der Mallorca-Deutsche will sich nicht auf eigenem Weinberg schwitzend verwirklichen. Er will kein einfaches Leben, eher das Gegenteil: "In Deutschland ist der Neidfaktor sehr hoch. Der Spanier hat kein Problem damit, wenn ein Ausländer zeigt, was er hat", sagt Matthias Kühn. Er will den gleichen Lebensstandard wie in Düsseldorf, Golfplätze und Yamamoto-Boutiquen, aber bitte 215 Sonnentage im Jahr.
"Ich habe hier alle deutschen Zeitungen am Kiosk, deutsches Fernsehen und Internet", sagt ein aus Hamburg emigrierter TV-Autor, der vom Küstennest Cala Millor aus einen Ruhrgebietskrimi schreibt. "Und der Freundeskreis kommt langsam nach." Weshalb also das Jahr im Ölzeug verbringen?
Die Insel ist so sicher wie eine Almhütte. Seit elf Jahren hat es im Luxusyachthafen Ca'n Pastilla keinen Diebstahl mehr gegeben, und das, obwohl keines der Boote abgeschlossen ist.
Die Exotik des Reisens beschränkt sich heute auf den Anflug im Charterflugzeug. Es ist die Begegnung mit dem ganz anderen: Da sitzt der Marketingdirektor im Armani-Anzug plötzlich neben Manfred aus Hamburg-Steilshoop und liest auf dessen T-Shirt den kategorischen Imperativ für die nächsten Tage: "Fressen, Ficken, Fernsehen." Gleich nach der Landung teilt sich die Gesellschaft in Pauschale und Personalities, und es ist wieder wie zu Hause.
Die 630 000 Mallorquiner haben in ihrer langen Geschichte gelernt, wie man Besatzer höflich auf- und langfristig ausnimmt. Sie haben ein Autonomiestatut erstritten und sprechen ihr Mallorquí, eine Spielart des Katalanischen. Sie haben Römer, Mauren, Engländer und George Sand überstanden. "Sie sind die Asiaten des Mittelmeers. Gleichmütig und sehr geschäftstüchtig", sagt Peter Rogalewski von Mallorca Online, und sie haben gelernt: Wer einmal kommt, reist einmal auch wieder ab. Aber die neuen Fremdlinge bleiben, und sie wollen dafür geliebt werden. Das ist den Mallorquinern unheimlich.
Die Deutschen sanieren die Landhäuser gründlich, oft mit Hilfe ebenfalls ausgewanderter Handwerker. Sie montieren Schmuckgitter und Pools und schrauben mallorquinische Schmuckschalen an den Putz. Alles soll besser, ursprünglicher und schöner sein, als es je war. Es ist eine Landnahme mit menschlichem Antlitz. Erst ziehen sie Mauern, dann laden sie die Nachbarn zum Tee: "Die Engländer", sagt Andrés Gómez Núñez, Manager des Schörghuber-Konzerns, "haben in ihren Kolonien lernen müssen, dass man andere Länder nicht wirklich verändern kann; man nimmt sie hin. Die Deutschen haben das nicht verstanden. Sie wollen Mallorca verbessern."
Nur wenige der deutschen Neomallorquiner lernen Spanisch. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen: Sie haben einfach keine Gelegenheit dazu, alle Bekannten sprechen deutsch. Es mußte bereits eine Bestimmung erlassen werden, wonach Speisekarten immer zweisprachig zu sein haben: auch auf spanisch. Eine Grenze wurde überschritten, als ein Drogeriemarkt die Preise seiner Seifen ausschließlich in deutscher Währung anzeigte. Das wurde untersagt: Preise nur noch in Peseten.
Zu Hause würde man das starke Überfremdung nennen. Hier nicht. Hier ist Mallorca. Und außerdem gibt es jetzt die Europäische Union, und davon will man auch was haben. Im Februar hat das spanische Parlament das kommunale Ausländerwahlrecht verabschiedet. So werden bei den nächsten Inselwahlen in zwei Jahren nicht nur Deutsche wählen, sondern auch deutsche Kandidaten antreten. In Calvià, wo neben 5000 Mallorquinern inzwischen 3000 Deutsche leben, hat sich ein Yachtverleiher aus dem Bayerischen bereits auf die Liste des Partido Popular setzen lassen.
So fürchtet der Bürgermeister von Artà schon deutsche Kollegen in den Rathäusern der Insel. Es geht das Gerücht, wonach bereits ein Drittel des Grund und Bodens in deutscher Hand sei. Doch so nahe ist die Eingemeindung nicht. Auch wenn Bundesbürger den Immobilienmarkt dominieren, so sind es immer noch weniger als fünf Prozent des Bodens, der Deutschen gehört.
Es sind nicht nur Hamburger Großbürger, die sommers ihre Golftaschen über die Insel schleppen. Seit Spaniens König Juan Carlos samt Familie alljährlich die heißesten Wochen im Marivent-Palast über der Bucht von Palma verbringt, ist Mallorca zum Laufsteg für "la crema y la nata", die Schönen und Reichen Festlandspaniens geworden. Im Club Nàutico zeigt man sich den Paparazzi und lästert über die Einheimischen: "Die Frage ist nicht, warum die Deutschen Mallorca kaufen, sondern warum die Mallorquiner ihre Insel verkaufen", sagt ein spanischer Bankier, dessen Finca an das Grundstück eines Schweizers grenzt.
Die mallorquinische Oberschicht hat auf dem Festland den Ruch von Arroganz und Steuerflüchtigkeit, anders gesagt: Man beneidet sie. Der Inselarchipel der Balearen ist die einzige autonome Region Spaniens, in der das Einkommen über dem europäischen Durchschnitt liegt.
Das deklarierte Einkommen, wohlgemerkt. Nachdem der Inselpatriarch Gabriel Cañellas 13 Jahre lang über Mallorca geherrscht hatte, mußte er im Frühjahr 1995 von seinem Parteifreund, dem spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar, des Amtes enthoben werden: Anlaß war eine Korruptionsaffäre um den größten öffentlichen Bauauftrag der Insel. Das Verfahren endete dann mit Freispruch. Wegen Verjährung.
Mallorca ist auch die Insel der schwarzen Kassen und der kurzen Wege. Vertrautes Terrain gewiß für manchen Nestflüchter aus dem Norden. Mit einem Unterschied: Das Modell Mallorca funktioniert. Die Arbeitslosigkeit liegt weit unter der Restspaniens, die Wirtschaft brummt. Es ist eben wie Deutschland, nur besser.
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