Dolce
vita kann harte Arbeit sein - reiche Deutsche, die sich in den vergangenen
Jahren auf Mallorca angesiedelt haben, schlagen die Zeit tot mit Alkohol,
Klatsch und Häme auf ihren schlimmsten Feind: den deutschen Billigtouristen.
Von Thomas Hüetlin
Es ist Feiertag in Port d'Andratx, das Thermometer zeigt 36 Grad im Schatten, und die Stimmung in der Bar "Nixe" sinkt Richtung null, was hier "zero" heißt.
Das liegt daran, dass die Geschäfte heute nachmittag geschlossen bleiben, und jetzt der Gin Tonic das besorgen soll, was normalerweise die Aufgabe der Platin-Card beim Shopping ist: das Adrenalin nach oben jagen.
Drei Frauen, Mitte 40, mit einem Teint, der so aussieht, als sei er schon seit vielen Jahren nicht mehr weiß gewesen, zeigen sich, was sie die Tage zuvor erbeutet haben. Eine trägt einen Body mit dem Logo der Motorradfirma Harley-Davidson, eine Weißblondierte ein Minikleid des Modehauses Gucci, und Eva präsentiert ein schwarzes Stretchbustier von Versace. "Das ist meine Form von Trauer", sagt Eva und verzieht das Gesicht, als wolle sie jetzt losheulen, was sie natürlich nicht tut.
"Wenn man jetzt noch was kauft von Versace, dann die Quittung zurückdatieren lassen auf seinen Todestag. In fünf Jahren kann man dann bei Sotheby's richtig Geld damit machen", rät ihr Freund.
Weil auch diese Aussicht Eva nicht über den Abend retten wird, trifft es sich prima, dass die "Eingeborenen" heute eine Prozession zu Ehren der "Jungfrau Carmen" veranstalten, bei der die Fischer mit Schiff und Familie hinausfahren aufs Meer und eine Statue der Heiligen Jungfrau versenken. Seit Tagen schmücken sie dafür ihre Holzboote mit blauen und roten Girlanden und knüpfen grüne Palmenblätter an die Wanten.
Evas Freund Peter Kroll-Vogel, Besitzer der Nixe und einiger Antiquitätengeschäfte und so etwas wie der Chefanimateur der reichen Deutschen in Port d'Andratx, wird an der Prozession teilnehmen. Doch an seinem Boot vom Typ 38er Top Gun mit einem 1050-PS-Motor, durch den pro Stunde 400 Liter Sprit rauschen, ist kein Platz für Palmenblätterschmuck und das andere religiöse Zeug. "Wenn ich auf dem Wasser bin", sagt Kroll-Vogel, "will ich Gas geben. Da fliegt mir doch der ganze Schmuckquatsch um die Ohren."
Als er in der Dämmerung die Motoren anläßt, freut sich Eva darüber, dass jetzt halb Andratx "aus dem Bett fällt". Kroll-Vogel, der so munter wirkt wie Buffalo Bill nach einer Nacht im Kühlhaus, blickt trübsinnig übers Wasser Richtung Eingeborene. "Das geht ja zu wie am Kamener Kreuz", murmelt er.
In Schrittgeschwindigkeit tuckert er zwischen den Wallfahrern herum. Er grüßt nur dann, wenn sich ein anderer seiner PS-Klasse durch das Getümmel schiebt. "Da drüben, der Ayk," sagt Kroll-Vogel, "hat 500 große Sonnenstudios in Deutschland." Ein weiterer zweistöckiger Yachtriese, auf dem sich Menschen in weißen Tennisshorts zuprosten, läßt Kroll-Vogel sein Glas Chivas Regal zum Salut emporheben. "Der hat mit Spielautomaten sein Geld gemacht", berichtet er. Und dann ist da vorne noch einer, über dessen Bauchumfang es in der Nixe oft mal Streit gibt. 1,68 Meter, sagt er selbst. 2,40 Meter, sagen die anderen. Sein Name "Betten-Dieter". Sein Schiff: eine Segel-Yacht. Seine Spezialität: Samstags, nach einer harten Urlaubswoche voll mit Gin Tonic, Seezunge und Champagner, kommt "Betten-Dieter" in die Nixe und bringt einen Topf mit selbstgekochter Erbsensuppe mit.
Als der Bochumer Kroll-Vogel vor fünf Jahren nach Andratx kam, hatte er in Deutschland als Gastronom und Antiquitätenhändler Pech gehabt, aber "ein Erbe von vielen Millionen", sagt Matthias Kühn, der größte Immobilienhändler der Insel, halfen Kroll-Vogel beim Neuanfang in der Sonne. Mallorca war seine zweite Chance, und er hatte Glück: Kostete der Quadratmeter Bauland Ende der achtziger Jahre noch 80 Mark in der Gegend von Port d'Andratx, geht heute unter 400 Mark kaum noch was.
Der Luxushafen ist inzwischen fest in deutscher Hand, wobei ein Haufen reicher Hamburger die Zusammenrottung so gruselig findet, dass sie ihre Fincas gut 100 Kilometer weiter bauen, in der Nähe des Dörfchens Santanyí. Die dortige Gegend trägt jetzt den stolzen Namen "Hamburger Hügel". Von da blicken die Hanseaten entschlossen hinab Richtung Port d'Andratx - oder einfacher "das Düsseldorfer Loch", gern auch "Port Quatsch" genannt.
Die Rhein-Schickeria hat ziemlich genau erkannt, dass im Leben wie im Urlaub der schlimmste Feind die Langeweile ist, und deshalb kommt selten einer wie Hollywoodstar Michael Douglas auf die Idee, zu Hause ein Buch zu lesen oder die Sterne anzuschauen. Schon lieber wachen sie von den steil abfallenden Hügeln mit Fernrohren über den Hafen, wer sich welche Yacht leisten kann und wie viele Mädchen auf dem Deck dazu. "Es gibt nur zwei Gründe, mit dem Boot rauszufahren", sagt Kroll-Vogel. "Der eine heißt Tempo. Der andere heißt Sex." Wahrscheinlich hat er auch deshalb sein Schiff schlicht "Cigarette" genannt. Ein Frauenname mache nicht wirklich Sinn. "Ich wechsle sie zu häufig."
Weil sich die Proll-Reichen regelmäßig umstürzender Champagnerkübel ebensowenig schämen wie der volluniformierten Chanel-Begleiterin, halten sie ein Auge gern auf Kroll-Vogel gerichtet, der mit gleichmütigem Gesichtsausdruck auch um halb drei Uhr früh vor der Nixe die Stellung hält und den Terrasseninhalt taxiert. "Um Mitternacht", sagt Kroll-Vogel, "war der Laden eine Milliarde schwer, jetzt vielleicht noch 300 Millionen." Kippt der Menschenwert mal zwei Monate lang unter 50 Millionen, darf sich der Wirt eine neue Lebensaufgabe suchen.
Dabei ist Panik völlig überflüssig - wohnt doch weiter oben in den Hügeln, wie ein Schutzpatron der Neureichen, der ehemalige Schmugglerkönig und derzeit größte Autovermieter der Insel, Hasso Schützendorf samt seinem Privatzoo, seiner fünften Noch-Ehefrau, einer Kolumbianerin, und seinem Vorzeige-Darwinismus. ("Wenn die Frauen 30 werden, lasse ich mich scheiden, da brauche ich was Neues. Nur unter 30 sind Frauen knusprig.")
Auch große Namen aus der Heimat sind da natürlich nicht weit. "Hier residieren schließlich Teilzeit-Insulaner von Max Schautzer bis Heino, von Claudia Schiffer bis Nachrichten-Lady Sabine Christiansen", meldet das TOP MAGAZIN - und will damit alle Zweifler zum Schweigen bringen, die in Port d'Andratx noch nicht das neue St. Tropez entdecken können.
Überhaupt ist der ganze Mallorca-Boom bei den besseren Ständen nicht bloß durch die Tatsache zu erklären, daß auf der ehemaligen Pirateninsel Schwarzgeld herzlich willkommen ist - sondern vor allem dadurch, dass die neue deutsche Geltungswut nicht mehr schutzlos den Demütigungen französischer Kellner oder der Mißachtung italienischer Hoteliers oder dem Spott der englischen Aristokratie ausgesetzt ist.
Ein Werbefachmann hatte beispielsweise von der Côte d'Azur endgültig genug, als ihm ein Tankwart nach einer gewaltigen Motorradtour zwei Francs für das Überprüfen des Luftdrucks abknöpfen wollte; eine Architektenfrau zieht es nicht mehr nach Capri, "weil mir schon jetzt schlecht wird, wenn ich an die brutalen Geschirraufbauten beim Abendessen denke".
Auf Mallorca hat das deutsche Geld noch Raum, und es kann sich ohne Angst vor Peinlichkeiten selbst verwirklichen. "Diese Fincas werden doch durch Deutsche toprenoviert", sagt die Krefelder Galeristin und Neu-Mallorquinerin Hella Maria Höfer. "Die Leute hier lassen so was verfallen. Ich finde das nicht gerade witzig." Und ein großer Autohändler wie der Ruhrgebietler Gerd Kamps rühmt in seiner Villa die einheimischen Künstler, die Gemälde passend zu den Sofabezügen anfertigen. "Das kostet so gut wie nichts", sagt Kamps über seine Bilder, "und sie machen genau, was man wünscht, also in unserem Fall: unauffällige Akte, farbenfroh und fröhlich, aber nicht zu konkret."
Für wahre Eleganz und Stil fühlen sich die Norddeutschen zuständig, die sich in der Gegend um Santanyí zusammengefunden haben. Schön versteckt liegen ihre Landhäuser vom Meer abgewandt, kein Motorbootgeräusch trübt die Beschaulichkeit, und wenn Eiswürfel ins Glas fallen, dann kollidiert ihr Echo nur mit dem Plätschern der Swimmingpools.
"Hamburger brauchen keinen Hafen zu sehen, sie haben einen zu Hause", sagt Marie Eleonore von Haeften, die mit ihrem Mann Wolf Siegfried ("Wummi") Wagner, einem Nachfahren des Bayreuther Richard, den Geschmack in der Gegend diktiert. Wummi baut die Fincas um, Nona richtet sie ein, und wer partout einen Weg an den beiden vorbei sucht, der endet wie der Besitzer einer Hamburger Billigblumenkette: Weil er sein Haus obskuren Baumeistern in die Hände gab, lachen jetzt alle am Hügel über ihn.
Nona und Wummi sind mehr als einfache Einrichter, sie sind Vorbilder. Vor sieben Jahren kamen sie auf die Insel, erwarben eine Finca mit 50 Hektar Land und können seitdem so herrschaftlich residieren, dass sich die überaus charmante Frau von Haeften, geborene von Lehndorff, an ihre Heimat in Ostpreußen erinnert fühlt, wo auch nur drei Familien den Ton angaben ("Schön wie die Lehndorffs, klug wie die Dönhoffs, dumm wie die Dohnas"). "Woanders in Europa", sagt Frau von Haeften, "geht das fast nirgendwo mehr. Das ist schon einzigartig hier."
Aufgeschreckt durch Doppelseiten in Wohnzeitschriften wie ELLE DECORATION und ARCHITEKTUR UND WOHNEN haben sich inzwischen Kolonnen aus Sylt und den Elbvororten auf den Weg in die Sonne gemacht. "Es ist schrecklich", klagt eine Anwältin, die zu den ersten gehörte, "mittlerweile hört man auf jeder besseren Hamburger Party: "Ham Se auch was am Hügel?" Jetzt habe die Manie sogar die Schulhöfe ehrwürdiger Gymnasien erreicht. Dieselben Kinder, die sich früher am Freitag mit dem Gruß "Wir sehen uns gleich zum Tee auf Sylt" verabschiedeten, verabreden sich nun zum Weekend auf der einstigen Proleteninsel.
Dort sitzen die Hanseaten dann auf ihren Ländereien mit bis zu 1000 Quadratmeter Wohnfläche, vollgestellt mit den schönsten Antiquitäten aus England und Südfrankreich, und reden über eine Hamburger Obsession, die sich in Mallorca zum offenen Wahn gesteigert hat: Inneneinrichtung. Bei einem Hummeressen des Millionen-Aussteigers und Hobby-Galeristen Thomas Wegner, so erzählt einer, habe ihn eine Frau stundenlang mit der Beschreibung ihres neuen "African Room" genervt und am Ende gerufen: "Müssen Sie sich unbedingt ansehen kommen."
Weitere Themen am Hügel sind: die tollen Klostertische aus St. Margarita, die handballgroßen Poolkerzen aus Felanitx, die beiden besten Palmenbeschneider der Insel aus der Hauptstadt Palma und Vernissagen. Obwohl das mit den Vernissagen kein wirklich beliebtes Thema ist. "Kein Mensch guckt da Bilder, die quatschen nur alle."
Allein über ein Phänomen herrscht vornehmes Schweigen: die Ratten, die sich gern in den teuren Fincawänden einnisten und nachts herumlaufen. Käfigfallen nutzen nichts, bunte Giftwürfel frißt der Hund, bleibt nur ein berühmtes Mittel namens "Rat stop" - ein Kleber, der die Ratten festsetzt und sie auf den Hausherrn warten läßt, der sie dann in neorustikaler Manier mit dem Prügel totschlägt.
Natürlich kann das alles auf die Dauer nicht gutgehen, schon gar nicht, weil es eigentlich kein öffentliches Leben gibt und die große Koalition der Bonvivants, bestehend aus Galeristen, Industriellen und GAL-Mitgliedern, von einem Frühstück, das hier gern "Sektempfang" genannt wird, zum nächsten jagt. Das Einerlei der sonnigen Tage, meint der Hamburger Szenewirt und Fotograf Rainer Fichel, werde nur noch durch die Wahl der Alkoholika variiert. Morgens Cognac, mittags Weißwein, abends Rotwein, dazwischen die Hausbar.
Hinter vorgehaltener Hand wird die Geschichte eines Architekten erzählt, den der Glücksakkord aus Sonne, Wein, Finca und Total-Freizeit vor ein paar Wochen direkt in die geschlossene Anstalt führte. Und auch sonst gestalten sich die Sitten im Paradies der Wohlstandsarbeitslosen so, dass der englische Bürgerkriegsphilosoph Thomas Hobbes seine reine Freude gehabt hätte. Dessen Motto, verlasse eine Party immer als letzter, weil du sonst das nächste Opfer bist, über das sie reden, hat sich am Hügel noch nicht herumgesprochen, weshalb sich die lieben Nachbarn erst mit Wein, dann mit Bosheiten zuschütten.
Das Understatement der von Haeften und Wegner sei reine Fassade, heißt es, komme doch bei denen keine Flasche Wein unter 200 Mark auf den Tisch, und das Rennboot werde gut an der Küste versteckt. Der Wegner sei als Galerist ein Versager, der jetzt die Mallorquiner mit seinem Unsinn belästige. Der Wirt Fichel, der mit seinen Gemälden von Büttner, Oehlen und Kippenberger zur Zeit auf seiner Baustelle haust, solle schleunigst wieder das Weite suchen, bevor er sein Schnitzellokal, das Viena, überhaupt aufmache.
Wenn die Einzelpersonen aufgebraucht sind, richtet sich das Genörgel auch gern gegen ganze Bevölkerungsgruppen. Besonders verhaßt ist dabei die größte: die Erben. "Das", so heißt es, "sind die, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben, auf das Geld ihrer Alten zu warten und das Wort 'Mediterran' noch nicht einmal buchstabieren können." Es gibt keine Sicherheit, jeder kann der nächste sein.
"Kein Wunder, dass die alle irre werden", sagt der Kölner Autor Frank Schauhoff, "erst verbauen die alle ihre Millionen in den Berg hinein, und dann kommt außer der Putzfrau keiner mehr gucken."
Geht es also nach der schnellen Landnahme schon wieder bergab mit dem Hamburger Hügel? "Nein", sagt ein Neusiedler, "die fühlen sich wohl untereinander, und überhaupt, das Geld muß schließlich weg." In besonders finsteren Stunden tröste sich mancher mit der Hoffnung, dass der Künstler und Philosoph Oswald Wiener in der Gegend ein Altersheim plane.
Mehr dem Leben zugewandte Hügelbewohner wie der Hamburger Werber Konstantin Jacoby suchen längst die Nähe zur Hauptstadt Palma, wo seine Werbeagentur in einem alten Aristokraten-Stadthaus ein "Brainstorming-Center" plant. "Dubrovnik ist nicht mehr die passende Location, in Genua versinken Sie im Dreck, und wenn Sie sich in Barcelona an der Nase kratzen, fallen schwarze Rußklumpen heraus", begründet der Werbechef seine Wahl.
In Palma - prima Lage, prima Flughafen, alte Kulturhauptstadt des Mittelmeeres - gebe es eigentlich nur ein Problem: diese schlurfenden Deutschen, die, wenn der Spanier mittags schläft, einfallen und in ihren bunten Unterhemden und Badehosen die historischen Straßen langschleichen.
Jacoby findet, damit muß Schluß sein. Wenn er schon keinen Türsteher vor den Stadttoren aufstellen darf, dann sollten wenigstens lange Baumwollroben in verschiedenen Farben ausgegeben werden, auf deren Rücken in spanisch dick steht: "An meiner lächerlichen Kleidung erkennen Sie, dass ich ein Tourist bin."
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