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DER SPIEGEL über Mallorca (III)

Allein unter Fremden

DER SPIEGEL 33/97 - CoverHoch im Norden Mallorcas liegt eine kleine Stadt, die von Deutschen umzingelt ist. Der Bürgermeister ist ein Nationalist, der die Kolonisation seiner Gemeinde stoppen will. Er baut bürokratische Hürden und schafft fremdenfreie Reservate. Von Uwe Buse

Früher war es besser. Früher blieben die bleichen Fremden an der Küste im Süden Mallorcas, an den Stränden, mit denen die Mallorquiner sowieso nichts anfangen konnten. Auf dem Sand wächst keine anständige Pflanze, und die Strände taugen auch nicht als Hafen. Dort kann man nur herumliegen und sich einen Sonnenbrand holen. Und genau das taten die Fremden auch. Nachts verschwanden sie dann in ihre Hotels, ihre Restaurants, ihre Bars, in denen ihre Sprache verstanden wurde und wo sie ihr Geld lassen konnten. Am nächsten Tag stand dann wieder Touristen-Triathlon an, Sonnen, Essen, Trinken, am übernächsten auch und nach zwei, drei Wochen flogen die Fremden braungebrannt wieder weg, und es kamen neue, die noch bleich waren und versessen darauf, Sonne und Bier zu tanken.

So war es früher, und es war nicht schlecht, denn es passierte weit weg von Artà, einer kleinen Stadt hoch oben im Nordosten der Insel. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Immer mehr Fremde kommen nicht nur zum Urlauben nach Mallorca, sondern um hier zu leben. Sie kaufen Land, kaufen Häuser, und das nicht nur im Süden der Insel, sondern auch im Norden. Sie umzingelten Artà mit Grundstücken, und nur wenige bequemten sich, die Sprache Mallorcas zu lernen. Statt dessen sprachen die Fremden weiter ihre Sprache: Deutsch. Und sie bauten hohe Mauern um ihre Häuser und zogen Zäune quer durch das Land, so wie sie es zu Hause gewohnt waren (s.a. Mallorca News Nr. 22 v. 14.2.1997).

Das mit den Mauern und den Zäunen ärgert Montserrat Santandreu wirklich. Montserrat Santandreu ist Bürgermeister von Artà. Er ist hier aufgewachsen und liebt den "offenen ländlichen Raum". Montserrat Santandreu spricht die drei Worte immer in Großbuchstaben aus, weil sie eine große Tradition beschreiben und er privat und auch in seinem Büro als Bürgermeister ein sehr traditionsbewußter 28jähriger Mann ist. Er liebt seine Stadt, die gute 600 Jahre alt ist, er liebt seine Kultur, die noch viel älter ist und die keine Zäune kennt und erst recht keine stirnhohen Mauern, die den Blick auf das weite Land und auf den großen Himmel versperren. Eine anständige mallorquinische Mauer ist bestenfalls hüfthoch, damit selbst kleine Mallorquiner bequem drübergucken und -klettern können, und sie steht nur da, weil auf dem Land viel zu viele Steine im Weg liegen und weil ohne Mauer der Wind die Erde davonträgt.

Aber um diese Tradition scherten sich die meisten Deutschen auf der Insel nie. Als Bürgermeister Montserrat Santandreu Anfang des Jahres feststellen mußte, dass in den vergangenen drei Jahren 80 Prozent aller Bauanträge um Artà herum von Ausländern, meist Deutschen, gestellt wurden und daß kein Ende der Kauf- und Antragsflut in Sicht war, platzte ihm der Kragen. Er verfaßte zusammen mit seinen Parteifreunden von der lokalen Wählergemeinschaft "Independents d'Artà" ein Manifest, das er Ende Januar der Öffentlichkeit präsentierte. In dem Text wird viel vom Bewahren des territorialen Erbes geschrieben, aber gemeint war: Verkauft kein Land an Deutsche.

Wenige Tage nach Veröffentlichung der Erklärung war Montserrat Santandreu der bekannteste Nationalist der Balearen. Dabei ist er gar nicht fremdenfeindlich. Beispielsweise mag er Beethoven und Mozart, Wagner nicht so. Montserrat Santandreu hat nichts gegen einzelne Deutsche, nicht einmal etwas gegen viele. Er erwartet nur, daß die rund 50 000 auf Mallorca lebenden Deutschen nicht vergessen, daß sie auf Mallorca sind und nicht in einem neuen, sehr sonnigen Bundesland. Es wäre nett, wenn sie aufhören würden, ihre hohen Mauern zu bauen, und es wäre nur höflich, wenn die Deutschen nicht vergessen, dass die Insel immer noch den Mallorquinern gehört, auch wenn die Deutschen immer mehr Grundstücke besitzen.

Aber Montserrat Santandreu glaubt nach vielen Diskussionen und Gesprächen nicht mehr, dass die Deutschen nett sind und sich integrieren. Deshalb versucht er den Fremden die Kolonisierung seiner Gemeinde so schwer wie möglich zu machen. Und viele Bürger in Artà wünschen ihm Glück. Seine Partei bekommt von Wahl zu Wahl mehr Stimmen, sie ist die stärkste Fraktion im Stadtrat, und seit 1979, seit der ersten demokratischen Wahl, stellt sie den Bürgermeister. Aber viel hat Montserrat Santandreu den Fremden nicht entgegenzusetzen. Er kämpft nicht nur gegen sie, sondern vor allem gegen die Mallorquiner, die ihr Land gern verkaufen, die sich auf die Europäische Union berufen, auf deren Freizügigkeit und wie Montserrat Santandreu auch auf eine große Tradition der Insel.

Einer dieser Mallorquiner ist Josep Manuel García Pellicer. Er ist ein kleiner Mann mit großen Ohren, der die Insignien der Neureichen mit Stolz trägt. Gold um den Hals, Gold an den Handgelenken, dazu eine Rolex am Arm, ein halbes Dutzend weitere im Safe und einen 500er Mercedes in der Garage, den er gern hat, aber nur ungern fährt. Zuviel Steine auf den Straßen, zuviel Neid in den Köpfen.

Josep Manuel García Pellicer ist Händler, und der Handel ist die große mallorquinische Tradition, auf die er sich beruft, die Mallorca schon immer Geld gebracht hat. Früher habe Mallorca mit Stoffen, Gewürzen oder weiß der Himmel was Geld gemacht, und nun verkaufen die Mallorquiner ihre Insel stückweise an die Deutschen.

Er, Josep Manuel García Pellicer, würde den Deutschen die ganze Insel verkaufen, am Stück, wenn er sie besitzen würde. Aber er besitzt sie nicht, also kann er nur verkaufen, was er hat. Und das tut er. Erst neulich 2000 Quadratmeter für 200 000 Mark. Aber er hat noch mehr Land. Und er wird alles verkaufen. An Deutsche. Ohne sie wäre er ein kleiner technischer Zeichner geblieben, der in einem Fiat Cinquecento durch die Gegend gurken müßte.

Dank der Deutschen ist er ein Europäer geworden, ein Kosmopolit, der oft im Flugzeug sitzt, der Lugano kennt und schöne Frauen dort. Und die Deutschen sind nicht nur gut zu ihm, sie sind auch gut für Mallorca. Wo Deutsche sind, ist es ordentlich, sagt Pellicer. Und das habe Mallorca nötig. Das sollte der studierte Bürgermeister Montserrat Santandreu einsehen, der für Josep Manuel García Pellicer ein Bauer ist, zu klein für das große Europa und das große Geld, das es dort zu verdienen gibt.

Stabile Barrikaden gegen den Bulldozer-Kapitalismus von Leuten wie Josep Manuel García Pellicer aufzutürmen fällt Montserrat Santandreu schwer. Er weiß, dass die Landwirtschaft die Menschen nicht mehr ernährt und dass der Verkauf des Landes legal ist.

Aber er will sich mit dem Ausverkauf Mallorcas nicht abfinden und nutzt das kümmerliche Werkzeug, das er hat, um bauwilligen Fremden das Leben schwer- zumachen. Und sein Werkzeug sind die Verwaltungsvorschriften und die Ausschüsse der Stadt. Mit ihrer Hilfe hat er als erster auf Mallorca die Mindestgröße eines Baugrundstücks außerhalb der Stadt verdoppelt. Von 7000 auf 14 000 Quadratmeter. Das hat dafür gesorgt, dass die ausländischen Käufer wohlhabender sind, aber nicht weniger werden. Außerdem nutzt der Bürgermeister den Naturschutz, um einige Ecken von Artà fremdenfrei zu halten. So stehen die Berge in der Gemeinde unter Naturschutz. Aber die glücklichste Lösung ist das nicht. Wo keine Fremden mehr bauen dürfen, kommt auch kein Mallorquiner mehr hin.

Letztlich werden die bürokratischen Hürden die fremden Investoren nicht aufhalten, und Montserrat Santandreu bleibt nur, an die freiwillige Selbstbeschränkung der Mallorquiner zu appellieren und zu hoffen, dass sie dem Beispiel von Fancisca Oliver folgen.

Sie wohnt in einem Haus, das so alt ist, daß weder sie noch ihr Vater sagen können, wie alt. Sie wissen nur, dass es vor Jahrhunderten gebaut wurde. Zu dem Haus gehören rund 250 000 Quadratmeter Land, von denen Fancisca Oliver nicht einen verkaufen würde, denn wenn sie Land verkauft, "gehört es mir nicht mehr". Dann kann sie ihrem Sohn kein Land vererben, sondern nur Geld. Und das sei nicht gut. Statt es zu verkaufen, vermietet sie die Fincas auf dem Land lieber an die Fremden, die lange Verträge mit ihr abschließen müssen. Das bringt auch Geld, wenn auch nicht genug, um sich einen Haufen Rolex oder einen dicken Daimler leisten zu können. Es reicht nur für die täglichen Ausgaben, einen Farbfernseher und den Jetski, auf dem Fanciscas Sohn balearischer Meister wurde. Und der, wenn die Zeit gekommen ist, wahrscheinlich lieber das Geld nimmt als das Land.

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"Das Geld muß weg"
Mallorca News Nr. 26

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