Infografik: DER SPIEGEL #Schneider,
74, Publizist, Sachbuch-Autor und Sprachästhet, lebt seit 1995 ganzjährig
als Resident auf Mallorca.
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STUMMER
PRUNK IN MARMOR UND ACRYL
- Wolf Schneider#über Deutsche auf Mallorca - Die das Geld bringen, liebt man nicht, das ist schon wahr. Aber wenn die einheimischen Zeitungen auf Mallorca den dosierten Hass auf die Deutschen pflegen, so sagt das über die Stimmung der Mallorquiner nicht mehr aus als der oft undosierte Deutschenhass der englischen Boulevardzeitungen über die Stimmung der Engländer. Gewiss, es gab da zwei Geschmacklosigkeiten: vor zwei Jahren den gescheiterten Versuch eines deutschen Wurstfabrikanten und Diskothekenbesitzers, eine Partei der Deutschen zu gründen, und vor drei Wochen den gelungenen Versuch des ZDF, die Stierkampfarena von Palma zu Gunsten der Sendung "Wetten, dass ...?" in eine deutsche Kolonie zu verwandeln. Zweimal deutsche Dummheit, spanisch übertrieben ? sonst läuft alles so friedlich auf Mallorca und so normal, dass es Schlagzeilen einfach nicht hergibt. Rummel, Pöbel, Schickeria, Suff, Inselkoller, Fremdenfeindlichkeit ? das gehört zum Mallorca-Bild wie die Leiche zum Krimi, und die Wirklichkeit bleibt auf beiden Feldern weit zurück. Wer die Bettenburgen so wenig mag wie die Paläste, hat reichlich Platz, um sie zu meiden, und nur hie und da reicht ein auftrumpfender Deutscher an die Hochnäsigkeit heran, die die Engländer einst an den Tag legten, als sie die Welt beherrschten. Nun sind die Deutschen ja von dreierlei Art: In der Menge dominieren die Touristen, im Bauvolumen die Eigentümer der Ferienvillen; die rund 30 000 deutschen Residenten ? Leute, die ganz oder überwiegend auf Mallorca leben ? sind leiser als die ersten, und so protzig wie die zweiten stellen sie sich meist nicht zur Schau. Arm in Arm mit den Mallorquinern neigen die Residenten dazu, die Touristen zu belächeln oder die Nase über sie zu rümpfen ? wenn sie sich in papageienfarbenen Trainingsanzügen durch Palmas schicke Straßen wälzen oder wenn sie nackte Kugelbäuche in Restaurants und Bankfilialen schleppen; die Kombination von Reise- und Entblößungslust hat die Erde wohl alles in allem ein bisschen hässlicher gemacht. Und ebenso mit den Mallorquinern Arm in Arm sehen viele Residenten in den Ferienvillen das eigentliche Ärgernis. In Marmor und Acryl, mit Doppelgaragen, schweren Toren und barocken Erkern haben sie von Küsten, Buchten, Hängen rücksichtslos Besitz ergriffen, im Dutzend übereinander gestapelt, 400 Quadratmeter Wohnfläche für höchstens fünf Wochen im Jahr; 47 Wochen lang prunken die Burgen der Verschwendung stumm vor sich hin, haben Aussicht geschändet, Land verschlungen und Wanderwege verbaut. Wer nun von den Residenten sagt, sie seien größtenteils ganz nette Leute, ja netter als die in Deutschland, alles in allem, flexibler nämlich, aufgeschlossener, unternehmungslustiger als die Daheimgebliebenen, nicht ihrem Bausparhäuschen verhaftet, im Herzen keinen Gartenzwerg ? der stößt auf Widerspruch. Bei den deutschen Residenten, versteht sich. Denn die Deutschen, Meister in so vielem, lassen sich auch darin von keinem Volk der Erde übertrumpfen, dass sie sich gegenseitig auf die Nerven gehen, ja einander zu verachten wünschen. Residenten also. Saufen sie? Nicht mehr, als ihre Jahrgänge es in Deutschland tun; höchstens, dass die lauen Sommernächte und Spaniens prächtige Weine dann und wann ein zusätzliches Gläschen provozieren. Kennen sie den Inselkoller, sind sie von Frust zerfressen? Von "Insel" spürt man nichts, bei diesen Flugverbindungen. Ärgern sich Residenten über spanische Sitten und Unsitten? Zu Anfang schon. Der Handwerker, der erst in drei Wochen kommen kann, ist höflich genug, seinem Kunden nicht mit dieser traurigen Wahrheit ins Gesicht zu springen ? "mañana" sagt er, und das sollte man nicht mit "morgen" übersetzen, sondern mit "irgendwann, es brennt ja nicht". (Brennt es wirklich, kommt er im Handumdrehen.) Allmählich freunden sich die meisten Residenten an mit der Gelassenheit, mit der die Einheimischen ihren Alltag meistern. Auch mit der Arbeitsmoral der Handwerker, wenn sie da sind; oft ist sie höher als in Deutschland, gepaart mit einem Quantum Lebensart und jenem natürlichen Stolz, der es verbietet, ihnen ein Trinkgeld herablassend zu gewähren. Sprechen die deutschen Residenten fließend Spanisch? Leider nur ein Teil von ihnen. Denn da gibt es ja die Versuchung, faul zu sein (deutsche Ärzte, deutsche Banken, deutsche Restaurants), und überdies ein Ärgernis: Obwohl Franco, der alle Regionalsprachen unterdrückte, schon seit 24 Jahren tot ist, hat sich gerade in den letzten Jahren das Katalanische vor das Spanische geschoben. Viele Hinweisschilder ? auch für Touristen ? sind allein in Katalan gehalten. Sind die Residenten integriert, haben sie sich eingepasst, wollen sie an ihrer neuen Heimat etwas ändern? Voll integriert ist eine kleine Minderheit, und Einfluss nehmen will die Mehrheit nicht. So, wie es ist, finden sie es schön: das Klima, die Landschaft, das Meer und das friedliche Nebeneinander der Kulturen mit einem bisschen wechselseitigen Respekt. Wer mich in Ruhe lässt, den muss ich ja nicht auch noch lieb haben. Modell für Europa! So, genau so wäre es auszuhalten. © Wolf Schneider/DER SPIEGEL Mehr zum Thema in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL und im Mallorca News-Archiv |
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DOMPTEUSE
IM PARADIES
Die Bürgermeisterin von Calvià, der reichsten Balearen-Gemeinde, kämpft gegen die Auswüchse des Billigtourismus - und sprengt dabei schon mal ein Hotel in die Luft. Die meisten Politiker haben auf jede Frage eine Antwort parat. Margarita Nájera Aranzábal greift dagegen gern zum Filzstift und zu einem Blatt Papier, will sie ihre Botschaft an den Mann bringen. Dann zaubert die spanische Sozialistin mit ein paar Strichen Pfeile, Kreise und Diagramme auf den Bogen, immer schön übersichtlich skizziert und alles logisch miteinander verbandelt. Die schwarz-weißen Sinnbilder symbolisieren Bevölkerungsdichte, Touristenströme, Müllaufkommen, Wasservorrat und Lebensqualität. Die Quintessenz der Schautafeln, die die Ökonomin mit der Verve einer Moritatensängerin kommentieren kann, ist immer dieselbe: "Wir haben zwei Möglichkeiten", sagt sie, "entweder wir gehen unter, oder wir ändern uns." Hinter ihre bedrohliche These setzt sie ein gewinnendes Lächeln. Nájera ist die Bürgermeisterin der Gemeinde Calvià, der touristischen Metropole im Südwesten Mallorcas. Die Strände der Region sind jetzt so dicht bevölkert wie Karstadt um neun Uhr nach Anpfiff des Sommerschlussverkaufs. In den fünfziger Jahren war Calvià ein armes, verschlafenes Städtchen am Fuße des Berges Galatzó. Die 3000 Bewohner lebten von dem, was der trockene Boden hergab. Wer keine Arbeit fand, verdingte sich auf Kuba, in Argentinien oder Deutschland als Gastarbeiter. Heute braucht kein Bewohner der Gemeinde mehr seine Heimat zu verlassen, um Arbeit zu finden. 15 000 Jobs bei rund 35 000 Einwohnern hängen direkt am Tourismus. Calvià zählt zu den reichsten Gemeinden Spaniens, mehr Umsatz macht auf den Balearen keine Kommune. "Wir verdanken den Touristen fast alles, was wir heute haben", sagt Nájera. Über anderthalb Millionen Menschen zieht es im Jahr an den insgesamt 53 Kilometer langen Küstenstreifen der Gemeinde. Zwei Millionen Tagestouristen aus anderen Teilen der Insel kommen noch dazu. Nájera, ebenso resolut wie freundlich, kam Mitte der Siebziger aus dem Baskenland selbst als Touristin auf die Insel, verliebte sich in einen Calviàner und blieb. Ihre Jugendliebe ist seit langem ihr Mann. Gemeinsam erlebte das Paar in den vergangenen 25 Jahren einen beispiellosen Bauboom, dessen Ergebnis die Region heute zu ersticken droht. Auf den Straßen der Küstenorte stauen sich die Mietwagen vor den Betonsilos, aus den Wasserhähnen kommt gechlortes Nass, die Müllkippen sind randvoll. Den ersten Öko-Kollaps hat Mallorca bereits hinter sich: 1995 bis 1997 mussten Schiffe zwei- bis dreimal die Woche Wasser nach Palma bringen, weil die Brunnen versiegt waren. Nájeras vielleicht wichtigste politische Erkenntnis aus dieser Zeit lautet: "Die Touristen sind nicht das Problem. Wir selbst sind das Problem." Heute ist die 45-Jährige so etwas wie die Dompteuse des Freizeitparadieses. Seit acht Jahren residiert Nájera in ihrem modernen Rathaus, einem freundlichen Neubau aus Glas, Marmor und ockergelber Steinfassade. An den Wänden hängen fröhliche Gemälde mallorquinischer Künstler, über die Flure laufen adrette junge Männer und Frauen. Die Angestellten verehren ihre Chefin, denn Nájera ist eine Lokomotive für die gute Sache. "Misión posible" nennt sie ihr Programm, eine "erfüllbare Aufgabe". Sie bremst den Tourismus, wo es nur geht. Sechs Absteigen in Strandnähe hat sie den Besitzern abgekauft und in die Luft gejagt. Beim Abbruch von Häusern, die den Blick aufs Meer versperrten, lenkte sie persönlich die Abrissbirne. Wo einst die Bausünde Hotel Atlantic stand, wachsen jetzt wieder Pinienbäume im Sand. In der Bauabteilung ihres Rathauses stapeln sich die Anträge. Zu viele Menschen wollen Fincas errichten und die Mandelhaine vor der Stadt damit in Betonwüsten verwandeln. Selbst Einheimischen mit Optionen auf Bauland erteilt sie Absagen. Nájeras Aktionismus bescherte der Touristenhochburg 1997 sogar einen Umweltpreis der Europäischen Union. Nun gedeihen an den Stränden der Gemeinde wieder Algenfelder im Wasser, die den Sandstrand wachsen lassen. Die bislang schwierigste Aktion der Bürgermeisterin war die Verkehrsberuhigung der Strandpromenade in Peguera. Weil Massen von Autos die Straße blockierten, sollte sie in eine Fußgängerzone verwandelt werden ? doch die Hotel- und Restaurantbesitzer fürchteten Schwund in der Kasse und demonstrierten sogar öffentlich gegen die Pläne der Stadtchefin. Die Baskin scheuchte die Bautrupps dennoch an die Küstenstraße. Ein halbes Jahr lang dauerten die Bauarbeiten, viele anliegende Hotels wurden mit EU-Zuschüssen renoviert. Als die Umbauphase endlich abgeschlossen wurde, waren viele Geschäftsleute "fast pleite, und ich war in der Straße nicht besonders beliebt". Heute bekommt die energische Politikerin in jedem Restaurant an der Promenade mindestens einen "café solo" vom Chef spendiert. Denn ausgerechnet die Sozialistin hat der mallorquinischen Kleinbourgeoisie mit der ihr zur Verfügung stehenden staatlichen Macht eine größere Profitrate beschert: "Die verdienen jetzt alle das Doppelte", sagt sie. Nun träumt Nájera von einer geschlossenen autofreien Uferpromenade am Westzipfel der Insel. Ihr Umbau bringt noch mehr Geld in die Kassen, und jedes renovierte Hotel mit Bidet im Badezimmer und Mülltrenncontainern im Hinterhof bedeutet einen Hooligan weniger, weil der sich 100 Mark aufwärts pro Übernachtung nicht mehr leisten kann. Die soziale Auslese ist von Nájera durchaus gewollt, denn sie führt vor allem nachts zur Straßenberuhigung: Reiche Leute prügeln sich selten und sind meist nur still besoffen. Eigentlich läuft alles nach Plan. Nur um den Seelenzustand des Inselnachwuchses macht die Ehefrau und Mutter sich Sorgen. Ihre Kinder, 18 und 19 Jahre alt, werden in einer Welt groß, in der schöne Frauen knappe Bikinis und reiche Männer dicke Portemonnaies in teuren, kurzen Hosen tragen. Die Spaziergänge am Hafen führen an Motoryachten vorbei, die so groß sind wie Einfamilienhäuser und deren Liegegebühr per anno das Jahresgehalt einer mallorquinischen Lehrerin beträgt. Die größte Gefahr, die in dieser vergnügungssüchtigen Freizeitgesellschaft lauert, ist ein Sonnenbrand. Calvià ist eine junge Gemeinde. Die Hälfte der Einwohner ist unter 25 Jahre alt. Viele Söhne und Töchter "sehen gar nicht ein, warum sie noch etwas lernen sollen", klagt die Bürgermeisterin. Zur Lebensgestaltung reiche denen ein Motorroller und die Aussicht, ein gut gehendes Restaurant zu erben. Die nächste Kampagne, die die elegante Kunstliebhaberin auf den Weg bringen will, soll deshalb dem Nachwuchs den rechten Weg weisen. Schon bald will sie ihre Mitarbeiter zu einer Jugendkonferenz zusammenrufen. Die Bürgermeisterin ist voller Tatendrang, denn Margarita Nájera war gerade erst mit ihrem Mann im Urlaub. Im beschaulichen Norden Mallorcas hat sie sich erholt von all den Ungeheuern aus Beton, die sie noch in die Luft sprengen müsste. © Claus Christian Malzahn/DER SPIEGEL Mehr zum Thema im Mallorca News-Archiv |
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