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DEIÀ UND DER GRAVES-MYTHOS  

Das malerische Bergdorf Deià in der Serra Tramuntana, hoch über dem Meer zwischen Valldemossa und Sóller gelegen, ist sicherlich der Ort Mallorcas, der von den meisten Künstler-Mythen umwoben ist. Viele davon beziehen sich auf ROBERT GRAVES (1895-1985). Ein Essay von Hartmut Ihnenfeldt.

Robert Graves, ca. 1933Robert Graves, ein Nachfahre des berühmten deutschen Historikers Leopold von Ranke, hatte in seinem 1932 gebauten Heim Canelluñ (verballhorntes Mallorquin für "abgelegenes Haus"), am Ortsausgang von Deià Richtung Norden, oberhalb des Fischerpfades zur Bucht hinunter "sein Paradies" gefunden. Er war 1929 mit der amerikanischen Schriftstellerin Laura Riding vor privaten Schwierigkeiten aus England geflohen und hatte sich auf Anraten der einflußreichen Poetin und Kritikerin Gertrude Stein auf Mallorca niedergelassen. Hier schrieb der Autor, der sich vor allem als Dichter empfand, seine wichtigsten Prosawerke, u.a. die Claudius-Romane, mit deren Tantiemen er sich im damals noch "spottbilligen" MallorcaDeia,  ca. 1930einen angemessenen Lebensstil und ein gastfreundliches Haus leisten konnte. Zu seinen aufsehenerregendsten Gästen muß man ohne Zweifel die Hollywood-Diva Ava Gardner zählen, die 1955 auf eine Stippvisite nach Deià kam und seitdem als Freundin der Familie galt. Diesen anekdotenreichen Besuch hat Graves später in seiner Geschichte Ein Toast auf Ava Gardner nachgezeichnet, die erstmals auf Deutsch in der Sammlung mit dem Titel Geschichten aus dem anderen Mallorca (1998) erschienen ist. Wenige Jahre später, 1959, machte sich Ava im Dorf dadurch einen Namen, dass sie einen jungen Guardia Civil im Dienst und in Uniform überreden konnte, mit ihr zu tanzen, indem sie dreist behauptete, es sei "zur Ehre Spaniens".

Aber auch Alec Guinness, Peter Ustinov und der junge Gabriel Garcia Marquez ließen sich von Graves auf eine Stippvisite nach Deià locken. Und im März 1950 kam der damals erst 10jährige Stephen Hawking mit seiner Mutter, einer Studienfreundin von Graves' zweiter Frau Beryl, auf Besuch für einige Wochen nach Canelluñ . In Erinnerung geblieben ist der spätere Nobelpreisträger der Graves-Familie vor allem durch seinen exzentrischen Humor: so warf er einmal völlig überraschend eine Stinkbombe unter das Sofa und machte dadurch den Raum für einige Zeit unbewohnbar.

In ihren Memoiren (Ava - My Story) malt Ava Gardner (s. Foto)Ava Gardner und Robert Graves, 1964ein außerordentlich positives Bild von ihrem Bewunderer Robert, der ihr sogar einige seiner Gedichte widmete, worauf sie natürlich sehr stolz war. Eines davon, aus dem Jahre 1964, heißt Nicht schlafen können und beschreibt den Zustand der freudigen Erregung, in den die attraktive Schauspielerin ihren Gastgeber bei ihren Besuchen in Deià versetzte: "Und ich muß gestehen, dass ich ihn auch liebte, obwohl er schon fast Mitte sechzig war, als ich ihn kennenlernte. Aber es gab nicht den geringsten Ansatz dafür, dass wir eine körperliche Beziehung miteinander eingehen würden. (...) Mit ihm und seiner wundervollen Frau Beryl und den Kindern in ihrem Haus hoch oben in den Bergen von Mallorca zusammen zu sein, verschaffte mir eine Art von Freude und Zufriedenheit, der in meinem Leben sonst nichts gleichkam."

Ähnlich freundliche Worte fand auch der englische Romanautor Kingsley Amis (*1922) nach seinem Besuch in Deià 1960. "Ich habe nie wieder eine Gruppe von Menschen getroffen, denen Verstellung, Schäbigkeit oder jede Art von Unhöflichkeit ferner gelegen hätte als der Graves Familie."

Der englische Schriftsteller Allan Sillitoe (*1928) war ein Freund und Protegé von Graves, auf dessen Einladung er 1954 nach Mallorca kam, einige Zeit in Sóller lebte und von dem er dort zu seinen bekannten und erfolgreichen Erzählungen Samstag nacht, Sonntag morgen und Die Einsamkeit des Langstreckenläufers ermutigt wurde.

Aber Robert Graves hatte nicht nur Bewunderer in Deià. Einer seiner schärfsten Kritiker war der englische Schriftsteller Anthony Burgess (1917 - 1993), der in Deutschland hauptsächlich durch Stanley Kubricks Verfilmung seines Klassikers des schwarzen Humors Uhrwerk Orange (1971) Aufmerksamkeit erregte. Im Sommer des Jahres 1969 zog es Burgess mit seiner Familie ausgerechnet nach Deià, das, so Burgess, "wenig zu bieten hatte außer dem Graves-Zauber. Ich sah ihn (Graves) nicht, und ich wollte ihn auch nicht sehen. Ich habe nie viel von ihm als Dichter gehalten, aber Deià war voll von seinen Bewunderern."

Was Burgess eigentlich an diesem Orte suchte, wußte er wohl selbst nicht. Einmal hielt er dort in Schlips und Kragen vor amerikanischen Hippies einen Vortrag über den "fleißigen Bürgersmann William Shakespeare", doch " die Versammlung endet in Chaos und mit einem Angriff auf meinen Schlips samt Kragen." Am letzten Abend vor ihrer Abreise nach Barcelona wurden Burgess und seine Frau auf einer Party von amerikanischen Anhängern des Vodookultes überfallen, denen Burgess' Frau Liane zuvor eine mit Stecknadeln gespickte Puppe entwendet und ins Feuer geworfen hatte. Dafür warf man sie nun den Abhang zur Müllgrube hinunter, wobei sie sich einen Zeh brach. Und irgendwie bringt Burgess dies alles in Zusammenhang mit Robert Graves und dem Mond über Deià.

Robert Graves' Leben und Wirken in seiner Wahlheimat liefern Stoff für ein ganzes Buch. Seine Sichtweise der mallorquinischen Verhältnisse hat er in den unterhaltsamen Geschichten aus dem anderen Mallorca , worin er Deià liebevoll hinter dem Pseudonym Binijiny tarnt, mit wohlwollender Ironie dargestellt. Er selbst empfand sich als "perfekter Gast" und wurde von den Einheimischen respektvoll "Don Roberto" genannt, der sich unbefangen im Dorfcafé verdingte und täglich bis ins hohe Alter seinen Gang hinunter zur Cala auf ein Bad im Mittelmeer machte. In den siebziger Jahren begann er dann aufgrund zunehmender Senilität wunderlich zu werden und behauptete, er könne durch geschlossene Türen gehen, oder er habe ein UFO in Deià Gustave Dore: Landschaft bei Deia (1862)landen sehen. Seine bescheidene Grabstätte findet man nur mit einiger Mühe auf dem kleinen Friedhof im "Oberdorf" direkt neben der Kirche. Die unscheinbare Grabplatte enthält außer dem Namen und den Lebensdaten einzig noch den lakonischen Zusatz: "Poeta" (Dichter).

Im Dorf war man an den Umgang mit Künstlern gewöhnt. Gustave Doré (1832 - 1883), der geniale französische Graphiker und Illustrator von Werken der Weltliteratur, hielt als erster bedeutender Künstler bereits 1862 die bizarre Küstenlandschaft bei Deià in einem Holzstich fest (s.Abb.). Und sein Begleiter auf der gemeinsamen Voyage en Espagne, Baron Ch. Davillier, nannte Deià "ein charmantes Dorf, umgeben von Zitronenbäumen". Der katalanische Schriftsteller und Maler Santiago Rusiñol (1861 - 1931), der eins der schönsten Bücher über Mallorca geschrieben hat, (Insel der Ruhe (1922), in dem er mit leiser Ironie die dortigen Lebensverhältnisse der damaligen Zeit skizzierte, feierte hier zu Beginn des Jahrhunderts mit Künstlerfreunden die spektakulären Sonnenuntergänge über dem Meer wie Theateraufführungen: mit reichlich Applaus - damals noch sehr zum Befremden der Dorfbewohner. Ansonsten aber, wie wir aus den aufschlußreichen Notizen des schottischen Schriftstellers und (Ex-) Freundes von Robert Graves, Alastair Reid, wissen, (Alastair brannte mit einer von Graves' jungen "Musen" - so nannte dieser seine Freundinnen, die ihn zu seinen Liebesgedichten inspirierten - durch, was Graves ihm nie verzieh), zogen die Einheimischen eine klare Trennungslinie zwischen dem, was sie für erlaubt und angemessen hielten und dem, was die "verrückten Ausländer" so alles anstellten.

Zu denen gehörte sicher auch die amerikanische Feministin und Autorin Anais NinAnaïs Nin (1903 - 1977; s. Foto), die vor allem durch ihre erotischen Geschichten und ihre Kooperation mit Henry Miller Berühmtheit erlangte. Nin wohnte im Sommer 1941, (als Graves im englischen "Exil" weilte), in einem Haus mit kleinem Garten im Clot, dem "Unterdorf ", und ritt täglich frühmorgens auf einem Maulesel zur Cala hinunter. Später schrieb sie, angeregt von einem im Dorf hinter vorgehaltener Hand kursierenden Gerücht, die Geschichte der Fischertochter Maria und ihres erotischen Urerlebnisses mit einem jungen Ausländerpaar in der Cala Cala Deia, ca. 1930nieder. Die mallorquinische Schriftstellerin Carmen Riera (*1948) hat sich 1980 auf den Spuren von Anaïs Nin in Deià bewegt und zu klären versucht, was es mit den Gerüchten nun wirklich auf sich hatte. Herausgekommen ist dabei ihre magische Geschichte Report, die der erotischen Komponente noch eine tragische hinzufügt, denn, wie die Erzählerin herausfand, wurden Maria und ihre Freunde von den aufgebrachten Dorfbewohnern in der Cala ins Meer getrieben, wo sie am nächsten Morgen nur noch tot geborgen werden konnten. Aber niemand im Dorf kann sich daran erinnern...

Der deutsche Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen (1903 - 1989; s. Foto)Albert Vigoleis Thelen, der von 1933 bis zum Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges 1936 im Exil auf Mallorca mehr schlecht als recht lebte, karikiert das Deià der frühen 30er Jahre in seinem Roman Die Insel des zweiten Gesichts (1953) folgendermaßen: "Deyà ist schlechterdings phantastisch, unerhört, reizvoll, wirklich lohnend, wo weltberühmte Maler sich niedergelassen haben. Bunt eingesprengt leben auch ein paar Schriftsteller dort, ein paar Philosophen, der und jener Vegetarier; ein rumänischer Wahrsager, eine italienische Koloratursängerin, deren Verzierungen schon alle abgebrochen waren; ein Dutzend Bildhauer und ein sehr gesuchter Porträtphotograph, ein Russe. Am einen Ende des Dorfes wohnte Graves."

Und für eben diesen Robert Graves will Vigoleis, der Held des Romans, das Manuskript von I, Claudius, Graves´ erfolgreichstem Roman, "aus einer verzwickten Handschrift" ins Reine getippt haben. Aber auch das ist wohl nur einer der unzähligen Mythen von Deià.

Der amerikanische Reiseschriftsteller und Romanautor Paul Theroux (*1941; Mosquito Küste) wandelte Anfang der 90er Jahre in Deià auf den Spuren von Robert Graves. Die Schönheit des Ortes und dessen wildromantische Lage faszinierten ihn; doch was ihn bei seinen Kontakten mit den Einheimischen am meisten beeindruckte, war die Tatsache, dass jeder "Don Roberto" kannte (immerhin war Graves 1969 zum Ehrenbürger Deiàs ernannt worden), aber offensichtlich niemand seine Werke gelesen hatte. Das, so meint jedenfalls Theroux, sei leider das paradoxe Schicksal vieler berühmter Schriftsteller und Dichter.

Bildnachweis:
Bild 1,3: Familie Graves
Bild 2: Hulton Deutsch Collection Ltd.
Bild 4,5,6: Archiv des Autors
Bild 7: Grundmann Verlag mit Genehmigung des Harenberg Verlags

Literaturtipps:

  • Robert (von Ranke-) Graves, Geschichten aus dem anderen Mallorca, Reise Know-How Verlag Grundmann 1998
  • "Auf den Spuren von Poeten und Schriftstellern" Ein literarischer Streifzug durch Mallorca, in:
    Mallorca , Handbuch für den optimalen Urlaub, Reise Know-How Verlag Grundmann, 8. Auflage 1998
  • Gordon West, Eine mallorquinische Reise: Mallorca 1929, Reise Know-How Verlag Grundmann 1997
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